Aktueller Kommentar von Dr. Koch 28.03.2025
Das Ende der ökonomischen Globalisierung?
Nicht erst seit Donald Trumps Wut auf ökonomische Erfolge anderer Regionen – sei es China, sei es Europa – verlieren jahrzehntelang gepflegte Gewissheiten über einen sich immer intensiver vernetzenden einheitlichen Weltmarkt an Überzeugungskraft. Wir konnten bereits mit dem Scheitern der Doha-Runde der Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2007 erleben, dass die WTO sich nicht als die verbindliche Plattform für wettbewerbsorientierte, faire Interaktion bewährt. So blockieren die USA seit der ersten Amtszeit Trumps die internationalen Schiedsgerichte, und auch Joe Biden hat das nicht geändert.
Wir sehen zudem, dass der Einfluss demokratischer Staaten weltweit abnimmt, das Wirtschaftswachstum aber davon weniger beeinflusst wird. Längst bemühen sich auch autokratische und diktatorische Regierungen erfolgreich, Marktwirtschaften zu etablieren. Die großen Theoretiker freiheitlicher Wirtschaftsordnungen – von Adam Smith bis Friedrich August von Hayek – gingen davon aus, dass der Einzelne und sein Dispositionsrecht über das Eigentum unabdingbar für eine sachgerechte Allokation von Ressourcen in einem marktwirtschaftlichen System sind. Diese Annahme wurde jedoch durch den Erfolg autokratischer Länder, allen voran China, durchbrochen. So entstehen global Bedingungen, die Wirtschaft und militärische Vorherrschaft nicht voneinander trennen. Die meisten von uns hatten vor dem russischen Angriff auf die Ukraine ein anderes Modell globalen Handels und internationaler Balancen im militärischen Bereich im Blick. Unter dem Stichwort Welthandel und Abrüstung galt dies als das eigentliche Zukunftsmodell.
Geopolitische Implikationen
Auf welche Konsequenzen müssen wir uns einstellen, wenn wir so viel regelbasierten Freihandel und so viel Freiheit begründende Marktwirtschaft wie irgend möglich erhalten wollen? Wir beobachten, dass auch durch US-Zölle mit ihrer provozierenden Wirkung neu markierte, global relevante Wirtschaftsräume stärker sichtbar werden. Das sind nicht immer einzelne Nationen, aber Regionen, die ausreichend groß sind, um Skaleneffekte in ihren eigenen Grenzen nutzen zu können. Mercosur, ASEAN, China und Indien für sich allein, das sind die Beispiele. Das wird gerade aus europäischer und insbesondere deutscher Sicht Konsequenzen für die Aufstellung unserer Industrie haben. Es bedeutet, dass sich Unternehmen schon aus Gründen der Risikominimierung an dieser neuen Landkarte orientieren müssen. Da stellen sich neue Fragen. Wie werden die Regeln der einzelnen Wirtschaftsräume aussehen?
Meine These lautet, dass die Entwicklung der Beziehungen zwischen diesen Regionen rein interessensbedingt ausgehandelt wird. Ob dies rationale „Deals“ sein werden, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen, aber sie werden auf alle Fälle interessenbedingte Entwicklungen unter der Perspektive der Bedürfnisbefriedigung des jeweils eigenen Raumes sein. In einer Demokratie ist das schnell zu erklären, denn hier müssen Regierungen zeigen, dass sie nicht etwa die Welt ordnen, sondern nationale Interessen fokussieren. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für jedes einzelne Land Europas. Sogar in Diktaturen gibt es dieses Prinzip. Zwar ist hier der Hebel anders, aber eine unzufriedene Bevölkerung ist dort letztendlich genauso gefährlich wie in einer Demokratie.
Merkantilismus 2.0?
Präsident Trump zeigt es uns gerade. Für ihn ist der Grundsatz, sich auf das eigene Land zu fokussieren – die Grenze also nur zu öffnen, wenn es sich lohnt, und zu schließen, wenn es schadet –, das wesentliches Momentum. Zu den Instrumenten zählen hier vor allem Zölle, die willkürlich erhöht oder gesenkt werden können. „I love tariffs“, sagt Trump. Sicherlich werden aber auch technische Standards eine Rolle spielen. Für Unternehmen bedeutet das: Wer in mehreren Bereichen tätig sein will, muss damit rechnen, dass technische Standards prohibitiv genutzt werden. So kann gezielt verhindert werden, dass Handel in bestimmten Bereichen möglich ist.
Was bedeutet das skizzierte Szenario für die Weltwirtschaft? Man muss davon ausgehen, dass zwar der Welthandel sinkt, aber das Welt-GDP durchaus weiter steigen kann. Den Glauben, dass ein steigender Weltwohlstand trotzdem möglich ist, weil diese skaleneffektgetriebenen Räume inzwischen zu groß sind, gab es früher nicht. Als der Welthandel über die Globalisierung den großen Fortschritt brachte, waren die Märkte zu klein, um unabhängig zu bestehen. Heute gibt es relevante, große Märkte, die intrinsisch große Kräfte entwickeln können. Wir werden als exportorientiertes Land möglicherweise auf zunehmende Schwierigkeiten im langsam wandelnden Welthandel stoßen und müssen uns stärker um ausreichende Wachstumspotentiale in unserem eigenen Wirtschaftsraum, nämlich Europa, kümmern. Global spricht manches dafür, dass die Wachstumsraten insgesamt weiter steigen werden. Wie die Verteilung dieses Zuwachses aussehen mag, ist offen. Daher gilt: Unsere Herausforderungen liegen mehr denn je vor der eigenen Haustür.
Die außerhalb der eigenen Wirtschaftszone entstehenden Wachstumschancen werden das Ergebnis von Verhandlungen und wechselseitigen Verträgen sein. Die WTO wird im besten Fall durch eine Vielzahl von Handelsabkommen ersetzt. Die aber muss man aushandeln und ihre Voraussetzungen selbst gewährleisten. Dazu wird ökonomische, politische, aber auch militärische Stärke gehören. Ob Europa genug Schiffe hat, um im Zweifel die Straße von Hormus zu sichern – egal, was andere große Wirtschaftsräume wie die Vereinigten Staaten von Amerika beitragen –, entscheidet darüber, wie unabhängig Europa wirklich ist. Auch das haben uns die jüngst öffentlich gewordenen Diskussionen der US-Regierung gezeigt. Wir werden mit gewaltigen Aufwendungen erst einmal stark werden müssen, um glaubwürdig abschreckend zu sein, um dann hoffentlich wieder auf eine Reduzierung der Aufwendungen für diese Abschreckung hinzuarbeiten. Die Wiedergewinnung eigener Stärke muss als Teil einer verteidigungsorientierten Wirtschaftsstrategie dann wiederum zu Innovation und Wachstum der eigenen Region beitragen.
Die wichtigste Erkenntnis für die Anhänger freier Wirtschaft und freien Handels ist, dass in der neuen Ordnung die Chancen noch keineswegs verteilt sind. Die gerade in Europa lange unterschätzte Bedeutung von Freihandelsabkommen muss jetzt ernst genommen werden. Es muss eine freiheitliche Handelszone derjenigen entstehen, die aus egoistischen Gründen gerade diesen freien Handel wollen und brauchen. Die schon genannten Staatengemeinschaften wie Südamerika und Asien sind gute und große Beispiele. Aber in einer etwas weiteren zeitlichen Perspektive gilt das auch für den arabischen oder afrikanischen Raum. Werden europäische Unternehmen, weil sie erwarten, dass Afrika in 20 Jahren bedeutsam sein wird, bereits vor Ort sein oder sind die Risiken zwischen Compliance, Investition und Unkalkulierbarkeit von demokratischen Strukturen zu hoch?
Strategische Autonomie
Und was ist mit Europa? Provozierend formuliert: Europa ist zwar ein spannender Wirtschaftsraum, aber oft zeigt es mehr Uneinigkeit als MERCOSUR und ASEAN - man erinnere sich rückblickend an das gescheiterte TTIP-Abkommen zwischen USA und EU. Kann Europa mit den großen Regionen, wie den Vereinigten Staaten, China und Indien, verglichen werden? Ist Europa global ausreichend relevant, und zwar unter jedem denkbaren Gesichtspunkt? Da sind wir wieder bei den Fragen Energiemarkt, Bankenunion, Kapitalmarktunion, Bürokratieabbau und stabiler Währung. Wir kommen aber auch zu der Frage, wie der größere europäische Wirtschaftsraum genutzt wird. Großbritannien, Norwegen, Ukraine, Türkei, Israel, der Norden Afrikas (Maghreb) – in der wirtschaftlichen Kooperation liegt die Chance zum Aufstieg zu den größten globalen Wirtschaftsräumen mit enormen Wachstumspotentialen, gerade für uns in Deutschland.
Bei all diesen Annahmen sollten wir die Hoffnung auf einen einheitlichen und freiheitlichen Weltmarkt nur pausieren lassen – und nicht aufgeben! Auch wenn der Globalisierungs-Hype im Augenblick nachgelassen hat, kann man nicht vorhersagen, wie es in 20 Jahren aussehen wird. Die Hoffnung auf eine Entwicklung des globalen Denkens im Sinne einer friedlichen, vernetzten und grenzenlosen Welt wird immer wieder neu entfacht werden. Am Ende haben Adam Smith, Friedrich August von Hayek und Ludwig Erhard immer noch die überlegene Idee.