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Presse
14.04.2021, 11:09 Uhr
Leben zurück nach Corona
 
 CORONA-PANDEMIE

Leben kehrt zurück in Pflegeheime: „Wir sind so glücklich“

Lesedauer: 7 Minuten
 
Wieder gemeinsame Aktivitäten erleben: Nachdem Bewohner und Mitarbeiter geimpft sind, kehrt das Leben zurück ins Haus St. Martin in Hagen.

Wieder gemeinsame Aktivitäten erleben: Nachdem Bewohner und Mitarbeiter geimpft sind, kehrt das Leben zurück ins Haus St. Martin in Hagen.

Foto: Christof Becker

HAGEN.  Nach trostlosen Monaten in den Pflegeheimen macht die Impfung wieder Summen, Bingo und Sitztanz möglich. Aber nicht alles ist so, wie es war.

Johannes Stremming lacht über das ganze Gesicht. Mit beachtlichem Schwung hebt er beide Arme, lässt die bunten Tücher in seinen Händen fliegen. Gleichzeitig presst er die Lippen aufeinander und bringt sie zum Vibrieren. „Am Brunnen vor dem Tore“ summt es vierstimmig durch die Cafeteria des Pflegeheims Haus St. Martin in Hagen. Maria Herrmann, Elisabeth Schrandt und Renate Klüe, zusammen zählen sie 358 Lebensjahre, summen und brummen ebenfalls. Gemeinsam.

Das Leben stand still

Endlich wieder: gemeinsam. Leben. Stimmen. Musik. Die Bewohner und Mitarbeiter in Pflegeheimen waren die ersten, die vor Wochen die Impfung gegen das Coronavirus erhielten. Viele von ihnen haben längst den vollständigen Schutz. Deswegen kehrt das Leben in Form von Summen, Bingo und Sitztanz zurück in die Heime der Republik. Nach Monaten des Verzichts.

„Ich brauche Aufgaben“, hat der Herr Stremming, 91 Jahre alt, oft gesagt. An Tagen, an denen es ein eher ruhiges Leben war, es weniger Stimmen und keine Musik gab. In diesem langen Corona-Jahr, in dem mehr Da als Sein war. Monatelang kein Besuch. Abwechslung brachten Balkonkonzerte und Balkonfitness, aber eben alles auf Distanz. Die Einrichtung ist bis heute streng überwacht, nur mit negativem Testergebnis ist der Zutritt erlaubt.

Hier, wie in allen anderen Pflegeeinrichtungen, hatte erzwungene Isolation Gesichter. Zumeist vom Leben gezeichnete. „Wir haben schon so viel geschafft, das schaffen wir auch noch“, hätten die Bewohner ihr oft gesagt, irgendwie ergeben, wissend, dass sie nichts ändern können, erinnert sich Anne Lepis (58). Die Leiterin des Sozialen Dienstes in der Caritas-Einrichtung mit ihren 106 Plätzen hat – trotz vieler Berufsjahre als Diplom-Pädagogin – eine vergleichbare Situation nie erlebt. „Ich habe gelitten wie ein Hund“, meint sie.

 

Radio Regenbogen entstand in dieser Zeit, ein hauseigenes Programm zum Hören und Mitmachen. Videotelefonie wurde angeboten, der Erfolg war überschaubar. „Der Kontakt war stark eingeschränkt, die Bewohner waren viel in ihren Zimmern, es konnten nur Einzelangebote stattfinden.“

Warten – aber auf was?

Denn dort verbrachten sie einen Großteil ihrer Zeit. Die einen stoisch, die anderen genügsam, den Tagesablauf geduldig ertragend, abwartend. Aber auf was? Kegeln, Gedächtnistraining, Witze erzählen, Sprichwörter ergänzen? Fiel alles aus. Das Wochenprogramm des Sozialen Dienstes bekam ein völlig anderes Gesicht. Die wohnbereichsübergreifenden Gruppen lagen brach, ein Jahr lang. Angebote fanden in den Wohnbereichen statt.

Der Soziale Dienst bekam ein neues Aufgabengebiet: Plötzlich ging es mehr um Organisation und Umsetzung neuer gesetzlicher ­Vorgaben, Besuche mussten geregelt und organisiert werden, auf die Einhaltung der Hygienevorschriften musste geachtet werden. „Wir müssen jetzt bei Null wieder anfangen“, sagen Anne Lepis und ihre Kollegin Elsa Fehr (65) mit Blick auf ihre Gruppenangebote.

Vieles haben die Bewohner verdrängt, jeder Tag ist ein neues Erlebnis. Was gestern war? Vergessen. Das Leben im Heim, der Alltag der Bewohner habe sich verändert. „Vor Corona hatten wir große Runden, da waren auch mal 20 Bewohner dabei“, erzählt Elsa Fehr. Das, so sagt die Altentherapeutin, wolle man nun seltener anbieten. Angesagt sind jetzt kleine Runden. „Die Bewohner haben sich auf ihren Zimmern und in ihren Wohnbereichen eingerichtet“, hat Anne Lepis beobachtet. Sie reagieret darauf und trifft sich nun nur noch mit fünf, sechs Bewohnern. „Der Kontakt ist so intensiver, jeder hat mehr davon“, glaubt die Fachfrau.

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